Warum entlang des Ablaufs und nicht nach Themen
Die üblichen Shop-Checklisten sind nach Kategorien sortiert: Bilder, Farben, Formulare, Tastaturbedienung. Das ist ordentlich und geht an der Sache vorbei, weil ein Kauf keine Sammlung von Elementen ist, sondern eine Kette. Reißt ein Glied, ist der Kauf beendet — und zwar unabhängig davon, wie gut die übrigen fünf sind.
Der zweite Grund ist praktischer Natur: Die Stellen, an denen es wirklich klemmt, sind die Übergänge. Was passiert, nachdem ein Filter gesetzt wurde. Was angesagt wird, wenn ein Artikel in den Warenkorb wandert. Was mit dem Fokus geschieht, wenn ein Schritt der Kasse abgeschlossen ist. In einer nach Themen sortierten Liste tauchen diese Momente gar nicht auf, weil sie zu keiner Kategorie gehören.
Der Prüfmaßstab dieser Seite ist einfach: Ein Kauf muss vom ersten Klick bis zur Bestätigung mit der Tastatur allein durchführbar sein, und jede Zustandsänderung muss hörbar sein. Wenn das gelingt, sind Sie über den größten Teil des Wegs.
Station 1: Suche, Filter und Ergebnisliste
Hier bricht fast jeder Shop, und zwar an derselben Stelle: Ein Filter wird gesetzt, die Liste darunter tauscht sich aus, und akustisch passiert nichts. Ob es jetzt drei Ergebnisse sind oder dreihundert, bleibt offen. Der Fokus springt in manchen Umsetzungen an den Seitenanfang zurück, sodass man sich durch die gesamte Filterleiste erneut arbeiten muss, um den zweiten Filter zu setzen.
- Trefferzahl nach jeder Änderung in eine höfliche Live-Region geben: „14 Ergebnisse“. Das erfüllt 4.1.3 Statusmeldungen und ist die wirksamste Einzelmaßnahme dieser Seite.
- Der Fokus bleibt beim Filter, den man gerade bedient hat. Er springt weder in die Liste noch an den Seitenanfang — das verlangt 2.4.3 Fokus-Reihenfolge.
- Gesetzte Filter bekommen Entfernen-Schaltflächen mit vollständigem Namen: „Filter Farbe: rot entfernen“ statt eines Kreuzes, das als „Schaltfläche“ angesagt wird.
- Ein Filter, der sich nur über einen Schieberegler bedienen lässt, braucht zusätzlich zwei Eingabefelder für Von und Bis. Schieberegler sind mit der Tastatur bedienbar, aber unzumutbar langsam.
Station 2: Produktseite und Variantenauswahl
Die Produktseite ist der Teil, den die üblichen Checklisten abdecken — Alt-Texte, Bildergalerie, Kontraste. Was sie nicht abdecken, ist die Variantenauswahl, und die ist der eigentliche Fall.
Wenn Größe und Farbe als Kachelraster umgesetzt sind, sind sie in der Regel keine Formularelemente, sondern Schaltflächen mit Hintergrundfarbe. Ein Screenreader sagt dann „Schaltfläche“, ohne mitzuteilen, welche Farbe das ist und welche gerade gewählt ist. Nicht verfügbare Kombinationen sind ausgegraut, also nur farblich unterschieden — das bricht 1.4.1 Benutzung von Farbe.
- Varianten als echte Formularelemente umsetzen: eine Gruppe von Optionsfeldern mit Beschriftung, oder eine Auswahlliste. Die Kacheloptik bleibt erhalten, die Bedienung wird die native.
- Nicht verfügbare Kombinationen zusätzlich zur Farbe kennzeichnen — im Namen des Elements: „Rot, Größe 42, nicht verfügbar“.
- Der Preis ändert sich bei Variantenwechsel. Diese Änderung muss angesagt werden, sonst kauft jemand einen anderen Preis, als er gehört hat.
- Produktbilder brauchen Alt-Texte, die den Artikel beschreiben, nicht den Dateinamen. Bei einer Galerie mit acht Ansichten desselben Artikels reicht ein aussagekräftiger Text für das erste Bild; die übrigen dürfen leer bleiben, wenn sie nichts Neues zeigen.
Station 3: Warenkorb
Der Warenkorb hat zwei Momente, an denen es klemmt. Der erste ist das Hinzufügen: In modernen Shops lädt die Seite dabei nicht neu, sondern ein Zähler oben rechts erhöht sich und eine Kurzmeldung blendet sich für vier Sekunden ein. Wer nicht hinsieht, erfährt nichts — und wer den Zähler mit dem Screenreader sucht, findet nur eine Zahl ohne Zusammenhang.
Der zweite Moment ist die Mengenänderung. Wird die Menge über zwei kleine Schaltflächen mit Plus und Minus geändert, heißen diese in der Regel „Plus“ und „Minus“ — bei fünf Positionen im Warenkorb gibt es dann zehn Schaltflächen mit denselben zwei Namen, und keine sagt, wozu sie gehört.
- Das Hinzufügen in einer höflichen Live-Region ansagen, mit Artikel und neuem Gesamtstand: „Artikelname in den Warenkorb gelegt, 3 Artikel, 89,90 Euro.“
- Mengenschaltflächen vollständig benennen: „Menge von Artikelname erhöhen“. Das ist über ein zusätzliches Attribut möglich, ohne die Optik zu ändern.
- Ein Mengenfeld zum direkten Eintippen behalten. Wer zwölf Stück will, soll nicht zwölfmal klicken müssen.
- Nach dem Entfernen einer Position den Fokus an eine sinnvolle Stelle setzen — auf die nächste Position oder auf die Überschrift des Warenkorbs. Ein Fokus, der ins Nichts fällt, landet am Seitenanfang, und der Nutzer verliert die Orientierung vollständig.
Station 4: Adressen und Kundenkonto
Das Adressformular ist die Station mit den meisten Einzelkriterien und zugleich die, für die es die klarsten Lösungen gibt. Drei Punkte tragen den Großteil.
- Jedes Feld braucht eine fest verbundene Beschriftung. Ein Platzhaltertext im Feld ist keine Beschriftung: Er verschwindet beim Tippen, und dann weiß niemand mehr, was er gerade eingibt — insbesondere niemand, der vergrößert liest.
- Jedes Feld braucht ein autocomplete-Attribut mit dem richtigen Wert. Das erfüllt 1.3.5 Eingabezweck bestimmen und hat den praktischen Nebeneffekt, dass Adressen aus dem Browser übernommen werden. Für viele Nutzende ist das der Unterschied zwischen zwei Minuten und einer Viertelstunde.
- Fehler gehören an das Feld und zusätzlich in eine Zusammenfassung am Formularanfang, die als Meldung angesagt wird und Sprungmarken auf die betroffenen Felder enthält. Ein rot umrandetes Feld allein bricht 1.4.1 und 3.3.1 gleichzeitig.
Zum Kundenkonto gehört ein Punkt, der oft übersehen wird: das Verbot, das Passwort aus der Zwischenablage einzufügen. Es ist keine Sicherheitsmaßnahme — es verhindert die Benutzung eines Passwortmanagers und trifft damit ausgerechnet die Nutzer mit den sichersten Passwörtern. Für Menschen mit motorischen Einschränkungen ist es schlicht eine Sperre.
Station 5: Zahlung und Bestellabschluss
Hier liegt das Risiko, das ein Shopbetreiber am wenigsten in der Hand hat: Der Zahlungsschritt läuft in vielen Shops in einem eingebetteten Rahmen des Zahlungsdienstleisters. Was dort passiert, hat der Shop nicht gebaut — verantwortlich für den Ablauf ist er trotzdem.
- Prüfen Sie den eingebetteten Bereich mit der Tastatur. Kommt der Fokus hinein, kommt er wieder heraus, werden Fehler angesagt? Wenn nicht, ist das ein Punkt für Ihren Zahlungsdienstleister — fragen Sie schriftlich nach dessen Konformitätserklärung.
- Ein Zeitlimit auf dem Zahlungsschritt fällt unter 2.2.1. Wer länger braucht, muss verlängern können, ohne von vorn anzufangen.
- Die Bestellübersicht vor dem Absenden muss vollständig mit dem Screenreader erfassbar sein — Positionen, Versandkosten, Gesamtbetrag. Eine Tabelle mit Kopfzellen erledigt das; ein Raster aus Bereichen mit Hintergrundfarben nicht.
- Die endgültige Schaltfläche braucht einen Namen, der die Handlung benennt: „Zahlungspflichtig bestellen“. Das verlangt ohnehin schon das Fernabsatzrecht — hier fallen zwei Pflichten zusammen.
Nach dem Absenden gehört der Fokus auf die Überschrift der Bestätigungsseite, und die Bestellnummer gehört in den Text, nicht nur in eine grafisch gestaltete Kachel. Wer sie hört, kann sie notieren; wer sie nur sieht, kann sie abschreiben — beides muss gehen.
Station 6: Bestätigungsmail und Rechnungs-PDF
Die Station, die in Shop-Checklisten praktisch nie vorkommt, und die teuerste. Die Rechnung ist Teil der erbrachten Dienstleistung, und ein nicht getaggtes PDF wird vom Screenreader spaltenweise quer gelesen: Positionsnummer, Bezeichnung und Betrag landen in einer Zeile, die es auf dem Papier nie gab. Das Ergebnis ist nicht schwer lesbar, sondern inhaltlich falsch.
Dasselbe gilt für die Bestätigungsmail, wenn sie ausschließlich als Bild oder als Tabellenlayout ohne Textalternative verschickt wird. Eine reine Textfassung parallel zur gestalteten Version löst das vollständig und kostet einmalig eine Vorlage.
Wenn Sie an dieser Seite nur eine einzige Sache mitnehmen: Fragen Sie Ihren Shopanbieter, ob die erzeugten PDF-Dokumente getaggt sind. Bei den meisten Standardsystemen lautet die Antwort nein, und sie ist der Punkt, an dem eine Prüfung am schnellsten fündig wird.
Was Ihr Shopsystem davon mitbringt — und was nicht
Eine Einordnung ohne Produktnamen, weil sie sonst mit dem nächsten Versionswechsel falsch wäre: Die verbreiteten Shopsysteme haben in den vergangenen zwei Jahren erheblich nachgebessert, und das betrifft überwiegend die Standardvorlagen. Was daran hängt, ist die Frage, wie weit Ihr Theme davon abgewichen ist.
| Woher es kommt | Typischer Stand | Ihre Aufgabe |
|---|---|---|
| Standardvorlage des Shopsystems | Meist ordentlich; Formulare, Beschriftungen und Grundnavigation stimmen. | Prüfen, nicht bauen. Eine Stunde mit der Tastatur zeigt es. |
| Angepasstes Theme | Hier entstehen die meisten Verstöße — Varianten als Kacheln, Filter ohne Ansage, Kurzmeldungen ohne Rolle. | Die Bibliothek des Themes überarbeiten. Wirkt an vielen Stellen gleichzeitig. |
| Erweiterungen und Plugins | Sehr unterschiedlich. Bewertungen, Konfiguratoren und Cookie-Hinweise fallen regelmäßig auf. | Beim Anbieter nachfragen; im Zweifel ersetzen. Ein Cookie-Hinweis, der den Fokus fängt, blockiert den ganzen Shop. |
| Zahlungsdienstleister im eingebetteten Rahmen | Nicht in Ihrer Hand. | Schriftlich nach der Konformitätserklärung fragen und die Antwort zu Ihren Unterlagen nehmen. |
Der Glanz-K-Shop ist bei uns nach WCAG 2.1 AA umgesetzt worden, nicht nachgerüstet. Der Unterschied zeigt sich nicht am Ergebnis, sondern am Aufwand — und daran, dass niemand hinterher entscheiden musste, welche der bestehenden Masken man dafür wegwirft.
Häufige Fragen
Muss der gesamte Shop barrierefrei sein oder nur der Kaufprozess?
Erfasst ist die Dienstleistung im elektronischen Geschäftsverkehr, und dazu gehört alles, was zum Vertragsschluss und zu seiner Abwicklung führt — Suche, Produktseite, Kasse, Konto, Rechnung. Ein Magazinbereich ohne Kaufbezug steht rechtlich anders da. In der Praxis lohnt die Unterscheidung selten: Es sind dieselben Muster, und der Aufwand steckt in der Vorlage.
Unser Shop läuft auf einem Standardsystem. Ist der Anbieter zuständig?
Verantwortlich für die erbrachte Dienstleistung sind Sie. Der Anbieter des Shopsystems ist Ihr Zulieferer — Sie können und sollten von ihm eine Aussage zur Konformität seiner Standardvorlagen verlangen, aber Ihre eigenen Anpassungen und Erweiterungen bleiben Ihre.
Wie lange dauert es, einen bestehenden Shop nachzurüsten?
Wenn die Verstöße aus dem Theme kommen und dieses ordentlich gebaut ist, liegen die sechs Stationen erfahrungsgemäß im Bereich weniger Wochen. Wenn dieselben Muster über Jahre einzeln nachgebaut wurden, wird daraus ein Umbau der Oberfläche. Welcher Fall vorliegt, sieht man an einem Tag — deshalb steht am Anfang eine Sichtung und kein Angebot.
Was ist mit unserem Cookie-Hinweis?
Er ist der häufigste Totalausfall. Ein Einwilligungsdialog, der den Fokus nicht fängt oder ihn nicht wieder freigibt, macht den gesamten Shop mit der Tastatur unbenutzbar — kein Kauf, keine Suche, nichts. Prüfen Sie ihn zuerst; es ist die kürzeste Prüfung mit der größten Wirkung.
Wie es weitergeht
45 Minuten mit dem Geschäftsführer. Kostenlos.
Sie beschreiben Ihren Prozess. Wir sagen Ihnen ehrlich, ob sich eine Eigenentwicklung für Sie rechnet — und wenn nicht, welches Standardprodukt besser passt. Danach bekommen Sie eine Einschätzung zu Aufwand und Kosten. Keine Präsentation, kein Verkaufsgespräch.
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